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Ein Leben in Bildern

Ursula Mattheuer-Neustädt zum 100. Geburtstag

Ein Bild malen oder zeichnen ist – über die Selbstverständigung als Antrieb hinaus – immer auch ein Ruf ins Ungewisse und eine Antwort, ein Ereignis.

Ursula Mattheuer-Neustädt, 1978 ¹

Meisterin der Linie

Ursula Mattheuer‑Neustädt zählt zu den bedeutendsten deutschen Zeichnerinnen und Grafikerinnen ihrer Generation. Ihre Werke sind geprägt von einer ausgezeichneten zeichnerischen Brillanz.

Sie steht mit ihrer Zeichenkunst in der Traditionslinie von Käthe Kollwitz und Otto Pankok über Otto Dix bis hin zu Kaspar David Friedrich und Albrecht Dürer. In dieser Verbindung von Tradition und individueller Handschrift entwickelte sie eine Bildsprache, die sowohl formal präzise als auch inhaltlich vielschichtig ist.

Als Grafikerin und Illustratorin wurde sie mehrfach mit dem Preis »Schönste Bücher« ausgezeichnet. 1972 ehrte die Stadt Leipzig ihr Schaffen mit dem Kunstpreis der Stadt.

Ursula Mattheuer-Neustädts Werke befinden sich in zahlreichen Museen und Sammlungen in Deutschland und im Ausland.

01
Familie und Kindheit

Ursula Neustädt wird am 10. Juli 1926 im vogtländischen Plauen geboren, einer Stadt, die in dieser Zeit von der Textilindustrie geprägt ist. Ihr Vater ist Leiter einer Textilfirma und übernimmt später die Position eines Prokuristen. Die Mutter ist ausgebildete Kindergärtnerin und Hausfrau.

Gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer Schwester wächst sie im Haushalt der Großeltern auf - ein familiäres Umfeld, das von Bildung und einem besonderen Interesse an Kunst und Literatur geprägt ist.

Ursula Neustädt mit ihrer Schwester Margarete um 1928

02
Jugend

Ihre Schulzeit fällt in die Jahre der Weimarer Republik und in die Zeit des Nationalsozialismus. Ein Elternhaus mit einem großen Bücherschrank und Lehrkräfte, die trotz der vorherrschenden nationalsozialistischen Ideologie an Werken der Weltliteratur festhalten – etwa an Heinrich Heines »Deutschland. Ein Wintermärchen« –, prägen ihr weiteres Leben maßgeblich.

Nach Kriegsende beteiligt sie sich an der Enttrümmerung ihrer stark zerstörten Geburtsstadt Plauen, holt ihre Hochschulreife nach und arbeitet anschließend als Apothekenhelferin.

03
Studium

Mit Blick auf die weitreichende Zerstörung deutscher Städte bewirbt sich Ursula Neustädt 1946 an der Staatlichen Hochschule für Baukunst und bildende Kunst in Weimar, heute Bauhaus-Universität Weimar. Hier wird sie, nach einem Praktikum als Bautischler, als eine der ersten weiblichen Studentinnen im Fach Architektur bei Prof. Henselmann immatrikuliert.

Noch im selben Jahr jedoch zieht sie nach Leipzig und wechselt an die dortige Kunstgewerbeschule, heute Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB). Dort studiert Ursula Neustädt bei den Professoren Egon Pruggmayer, Max Schwimmer, Elisabeth Voigt und Walter Arnold. 

Zu ihren Mitstudenten zählen u. a. Walter Schiller, Bernhard Heisig und ihr späterer Lebenspartner Wolfgang Mattheuer.

Ursula Neustädt (links) und Wolfgang Mattheuer (2. v. rechts) mit Studienkollegen an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Anfang der 1950er Jahre.

Wolfgang Mattheuer und Ursula Neustädt an der Hochschule für Grafik und Buchkunst um 1950

Neben ihrem Kunststudium spielen für sie ästhetische und philosophische Fragestellungen eine besondere Rolle. Anfang der 1950er Jahre schreibt sie sich als Gasthörerin an der Universität Leipzig ein, um die legendären Vorlesungen von Hans Mayer, Ernst Bloch und Johannes Jahn zu hören.

Das Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst schließt sie 1952 mit dem Diplom in der Fachrichtung »Grafik und Buchkunst« ab.

Im selben Jahr heiratet sie Wolfgang Mattheuer. Gemeinsam beziehen sie eine Wohnung in der Hauptmannstraße 1.

Ursula Mattheuer-Neustädts erste Einzelausstellung wird 1959 in der Galerie Engewald in Leipzig gezeigt.

Von 1960 bis 1964 unterrichtet sie an der Abendakademie der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Anschließend arbeitet sie in Leipzig als Illustratorin, freie Zeichnerin und Autorin.

04
Kunst und Leben

Das Weltbild, die Kunstauffassung, die Persönlichkeit des Illustrators wird mit der des Schriftstellers konfrontiert. Aus dieser Begegnung beziehen Illustrationen ihren Wert und ihren Reiz.

Ursula Mattheuer-Neustädt, 1967 ²

Illustrationen

Ihre ersten veröffentlichten Arbeiten sind Kinderbuchillustrationen vorwiegend für den Altberliner Verlag Lucie Groszer, darunter zu Anneliese Probsts »Sagen und Märchen aus dem Harz« (1954). Bis in die 1970er Jahre folgen Illustrationen etwa zu Rudyard Kiplings »Rikki-Tikki-Tavi« im Reclam-Verlag Leipzig und zu Honoré de Balzacs »Die sehr sonderbaren Geschichten« im Greifenverlag.

In den 1960er Jahren entstehen in Zusammenarbeit mit dem Typographen Walter Schiller einige bedeutende bibliophile Arbeiten, darunter zu Stéphane Mallarmés »Der Nachmittag eines Fauns«, Kālidāsas »Der Wolkenbote (Meghadūta)« und Alexander Puschkins »Gabrieliade«. Diese Ausgaben werden mit dem Preis »Schönste Bücher« ausgezeichnet.

Schabblätter zu Vera A. Smirnowa-Rakitina »Spiegel der Weisheit. Ein Avicenna-Roman«, 1963

»Der Illustrator muß über Zeit und Ort mehr wissen, als der Autor mitteilt. Nicht um all das in seinen Bildern zu zeigen, sondern um sich in einem Stoff frei bewegen zu können. Er muß lebendige Merkmale der Epoche finden, Symbole, die den Charakter der Zeit anschaulich enthüllen, in Details des Milieus, der Kostüme, im Aussehen und in den Bewegungen der Gestalten. Dabei wird er versuchen, historische Bedingtheit und allgemeingültige Bedeutung voneinander zu trennen. Immer aber ist das Verhältnis des Illustrators zum Stoff viel konkreter, komplexer.«

Ursula Mattheuer-Neustädt, 1966 ³

Buchillustration zu Honoré de Balzac »Die sehr sonderbaren Geschichten«, 1974

Blatt 7: Der Kuss, 1968

Die Elemente

In den 1960er Jahren entsteht eine Folge von zwölf Lithographien mit dem Titel »Die Elemente« nach Texten von Georg Maurer. Es sind Kommentare und Erweiterungen, die ihren Blick auf Maurers Texte zeigen und zu einem eigenständigen bildkünstlerischen Werk werden lassen.

Dialoge

Lithographien zur Lyrik von Georg Maurer

Während »Die Elemente« kraftvoll und kontrastreich sind, gehen die »Dialoge« ins Ornamentale und sind geprägt von einer feinen Linienführung.

Beide verbindet jedoch die Gleichzeitigkeit unterschiedlichster Bildelemente und die Verknüpfung von Assoziationsketten in einem Werk.

»Zwischen ›Erstem Gespräch‹ und ›Experiment Hoffnung‹ werden Fragen an unser Leben gestellt, seine Freuden beschrieben und seine Ängste beschworen. Die Schauplätze und Agierenden wechseln, aber sie sind von hier und heute. Alles ist gänzlich alltäglich, immer wieder gesehen und oft erlebt, behandelt werden jedermanns Sorgen und Wünsche. Und doch: Alles ist neu, schockierend ungewohnt – Bekanntes wird fremd, Vertrautes versteckt –, allgemeine Erfahrungen sind aufs Äußerste individualisiert und dennoch, mittels gedanklicher Reflexion, in Symbolen, ja gleichsam einander verschlingenden Symbolverbindungen zusammengefasst, in Form gefasst, dass beim Betrachter zwingend Ideenketten assoziiert werden.«

Heinz Schönemann, Kunsthistoriker ⁴

Blatt 1: Das erste Gespräch, 1974

Ursula Mattheuer-Neustädt über ihre Arbeit an der Blattfolge »Dialoge« (Kulturmagazin Folge 57, 1970)

Zeichnungen

Ursula Mattheuer-Neustädt verwendet für ihre Zeichnungen vorwiegend Kugelschreiber und Bleistift. Ohne Metaphern, Allegorien und Gleichnissen sind ihre Arbeiten kaum vorstellbar. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Landschaft, dem eigenen Garten im Vogtland, und auch auf Reisen hat sie ihre Arbeitsutensilien immer dabei. So entstehen unterwegs Momentaufnahmen, die sie zu Hause zu Ende führt.

»Natur ist unsere Lebensumwelt, die uns geschenkt wurde und mit der wir nicht wie mit einem kostbaren Geschenk umgehen, deshalb ist es wichtig, Dinge festzuhalten in Landschaftsmalerei und -zeichnung, den Wert der Dinge in Erinnerung zu rufen und der Zerstörung Einhalt zu gebieten.«

Ursula Mattheuer-Neustädt, 2001 ⁵

Garten im Schnee, 1987

Dichterporträts

»Die Dichter meiner Wahl – einer Auswahl, die mir manchmal selbst zufällig erscheinen will, dann wieder folgerichtig – verbinden sich mir trotz der unterschiedlichen Größe und Wirkungskraft ihres Werkes, der verschiedenen Zeiten ihrer körperlichen Existenz, ihrer jeweils anders gearteten, sogar antipodischen Weltsicht durch eine gewisse Übereinstimmung mit meinem Selbstwertgefühl.«

Ursula Mattheuer-Neustädt

Ursula Mattheuer-Neustädt im Interview zu den Dichterporträts, 2001

»Mein Stifter-Bild ist das Realste unter den vierzehn Zeichnungen. Ich setze ihn einfach mitten in die Landschaft des bayerisch-böhmischen Waldes, auf dem Gipfel des Großen Arber, zu dem wir zweimal hinaufgefahren und gestiegen sind. Ob er tatsächlich jemals dort saß, weiß ich nicht. Aber so genau soll es auch nicht genommen sein.

Er geriet ganz selbstverständlich in diese Landschaft, als könnte ich mir das Bild nirgendwo anders vorstellen.«

Ursula Mattheuer-Neustädt

Porträt Adalbert Stifter, 1980

Porträt Anette von Droste-Hülshoff, 1977

ANETTE VON DROSTE-HÜLSHOFF

Schwer ist der Himmel.
Komm und befreie mich,
löse mich aus dem Stamm,
dem mächtigen, alten.
Ich wachse daraus hervor;
siehst Du mein Bild nicht?
Hörst Du mein Wort nicht?
Mein Wort ringt sich frei,
es trennt sich von mir,
schön ist es, zerbrechlich und stark.
Wenn Du gehst, mich zurückläßt
abgeblüht, 
wird es Dich verfolgen.

Ursula Mattheuer-Neustädt, 1977 ⁷

05
Begegnungen und Engagement

Ursula Mattheuer-Neustädt und Wolfgang Mattheuer stehen stehts im regen Austausch mit Kunst- und Kulturschaffenden ihrer Zeit. Aus diesen Begegnungen entwickeln sich oft lange und streitbare Freundschaften, wie zu den Schriftstellern Werner Heiduczek, Erich Loest, Günter Grass, Günter Kunert, zum Fotografen Helfried Strauss, zu Künstlern wie Bernhard Heisig, Klaus Staeck und Susanne Kandt-Horn und zu Kunstsammlern wie Peter Mathar und Hartmut Koch.

 

Günter Kunert, Ursula Mattheuer-Neustädt und Wolfgang Mattheuer

Ursula Mattheuer-Neustädt und Wolfgang Mattheuer engagieren sich 1989 aktiv an den Montagsdemonstrationen in Leipzig. 

An ihre umfangreiche Ausstellungstätigkeit seit den 1960er Jahren kann Ursula Mattheuer-Neustädt nach der Wiedervereinigung anknüpfen. In den folgenden Jahren wird sie etwa in die Kustodie der Universität Leipzig, in die Galerie Malzhaus in Plauen und in die Kunsthalle Vogtland in Reichenbach zu Ausstellungen eingeladen.

Nach 1990 entstehen wichtige Publikationen von Ursula Mattheuer-Neustädt, so der Essay-Band »Bilder als Botschaft – Die Botschaft der Bilder« zu Werken von Wolfgang Mattheuer und 1999 in der Edition Galerie Schwind die umfangreiche Publikation »Stimmen« mit Zeichnungen, Essays und Gedichten von ihr.

06
Späte Jahre

Nach dem unerwarteten Tod ihres Lebensgefährten Wolfgang Mattheuer am 7. April 2004 widmet sich Ursula Mattheuer-Neustädt vorwiegend der Nachlassverwaltung und umfangreichen Ausstellungs- und Buchprojekten in Zusammenarbeit mit der Kunst- und Kulturwissenschaftlerin Claudia Rodegast. 

Unter ihrer Federführung erscheint 2007 das Buch »Meine Sonnen heißen Trotz alledem! Erinnerungen an Wolfgang Mattheuer«. 

In dieser Zeit entsteht auch der Liebhaberdruck »Das Bild der Poeten«, der sich mit der herausragenden Bedeutung von Literatur und Poesie für das Schaffen beider Künstler befasst.

Zu ihrem 85. Geburtstag erscheinen mit dem Reprint »Aus Skizzenbüchern« und dem Katalog »Rückblicke« zwei umfangreiche Publikationen, die Einblicke in ihr Schaffen geben.

Um das umfangreiche Werk beider Künstler zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, gründet sie 2006 die »Ursula Mattheuer-Neustädt und Wolfgang Mattheuer Stiftung« in Leipzig. 

Neben der Ausleihe von Werken für temporäre Ausstellungen sowie als Dauerleihgaben an öffentliche Sammlungen ist die Erarbeitung und Veröffentlichung von wissenschaftlichen Publikationen ein weiterer wichtiger Schwerpunkt der Stiftungsarbeit.

Zahlreiche eigene Ausstellungen und Veranstaltungen ergänzen die Aktivitäten.

Die Stiftung dient nicht nur als Archiv der gemeinsamen künstlerischen Arbeit, sondern auch als Impulsgeber für kommende Generationen. 

 

 

 

Ursula Mattheuer-Neustädt stirbt am 13. März 2021 in ihrer Wohnung.

Die gemeinsame Ruhestätte befindet sich auf dem Südfriedhof in Leipzig.

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Einzelnachweise

¹ Ursula Mattheuer-Neustädt, aus einem Brief, 1978

² Ursula Mattheuer-Neustädt, »Meine Ansichten über Buchillustrationen«, in: Marginalien, Heft 28, 1967

³ »Kombination von Wort und Bild. Die Grafikerin Ursula Mattheuer-Neustädt antwortet auf Fragen der Redaktion zu Problemen der Illustration«, in: Bildende Kunst, Heft 6, 1966

⁴ Georg Maurer, »Unterm Maulbeerbaum. Ausgewählte Gedichte«, 1977

⁵ Ursula Mattheuer-Neustädt in einem Fernseh-Interview, VIP-Porträt, 2001

Ursula Mattheuer-Neustädt, »Nach-gedanken zu meinen Dichterporträts. Arbeitsnotizen«, unveröffentlicht

⁷ Ursula Mattheuer-Neustädt, »Stimmen«, 1999